Es wird mal wieder Zeit unsere gesammelten Eindrücke niederzuschreiben. Die letzten 3 Wochenende waren wir fleissig mit Paola und den anderen Volunteers bzw. Freunden von Paola im Norden im vom Erdbeben zerstörten Gebiet rund um Canoa und Bahía. Unsere Arbeit war einerseits anstrengend weil es immer verbunden war mit langen Busfahrten, mehrmals umsteigen und die ganzen Utensilien für unsere Aktivitäten mitschleppen. Andererseits bekamen wir einen unvergleichlichen Einblick in den täglichen Alltag der Menschen in den vom Erbeben betroffenen Gegenden und auch die Freude der Kinder die wir erlebt haben war es auf alle Fälle wert.
Neben unseren Aktivitäten mit den Kindern haben wir auch spezielle Kinderbücher an die Eltern verteilt. Dieses Buch wurde von einer Gruppe von Psychologen speziell für von Erdbeben betroffene Kinder entwickelt. Es geht darum die traumatischen Erlebnisse gemeinsam mit den Eltern in Form einer Geschichte zu besprechen um diese leichter verarbeiten zu können. Ein Problem dabei ist, dass viele Eltern, speziell in ländlicheren Gegenden, nicht lesen können. Deswegen mussten wir bei der Einschulung um so genauer erklären worum es geht, damit die Kinder die Hilfe benötigen diese auch bekommen. Alles in allem wurden unsere Aktionen sowohl von den Kindern als auch von den Eltern sehr positiv und dankbar aufgenommen.
Voll motiviert in unserem Hostel in Canoa
Zu Beginn wird immer gemeinsam gelesen
Alle sind begeistert
Als großes Highlight: Caperucita Roja (Rotkäppchen)
Zum Abschluss gibts immer ein Foto zum Thema ...
... des Buches "Donde viven los Monstruos" (Wo die Monster leben) ...
... Como hacen los monstruos? (Wie machen die Monster?)
Freude über die Geschenke ...
... die gleich ausprobiert werden müssen
Bucheinschulung mit den Eltern
Auf dem Pickup gehts zum nächsten Ort
Am Abend verdient am Strand - am zweiten Wochenende waren schon wieder mehr Touristen
Ganz verschweigen möchten wir aber auch nicht die negativen Aspekte die wir erlebt haben. Es ist natürlich schön, dass sich seit den Erdbeben in und um Canoa (dort haben wir es erlebt) unzählige Hilfsorganisationen aus allen Herrenländern eingenistet haben und versuchen ihr bestmögliches zu tun um den Menschen zu helfen. Allerdings, und das hat mich am meisten schockiert, haben natürlich auch sämtliche religiöse Institutionen diesen teilweise chaotischen Umstand genutzt. Jeden Tag spazieren zig Vertreter fröhlich durch die zerstörten Straßen und Gemeinden um ihre teilweise sehr fragwürdigen Weltanschauungen zu verbreiten und die verzweifelten Menschen zu rekrutieren. Aber nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Zeugen Jehovas und Scientology, sondern auch die evangelische und die katholische Kirsche ziehen von Dorf zu Dorf und verkünden bei großen Kundgebungen am Hauptplatz mit Lautsprechern und Megaphonen Blödheiten wie "Das Erdbeben war eine Strafe Gottes weil ihr so schlechte Menschen seid" (Hab ich selbst gehört). Und die Menschen gehen da in Massen hin und glauben das auch.
Eine der religiösen Gruppen die ihre Weltanschauung verbreiten
Ein anderer widersprüchlicher Eindruck den ich mehrfach erlebt habe und den ich nicht ganz verstehen kann ist, die einerseits die selbstverständliche Abgabe von Verantwortung, gleichzeitig aber bestehen viele Menschen auf Selbstbestimmung.
Was heißt das?
Einerseits leben viele Menschen in kleinsten Zelten oder unter einfachsten Planen auf den Straßen und sind der Meinung, die Schuld an dem Erdbeben liegt beim Staat, und dieser muss ihre Häuser wieder aufbauen (was vermutlich in 3 bis 4 Jahren geschieht), darum machen sie erst einmal gar nichts. Es stimmt zwar, dass oft das Geld fehlt, aber darum bietet der Staat betroffenen Menschen kostenlose Kredite an.
Andererseits stehen viele Albergues, sprich von UNHCR und Militär gebaute und betreute Camps leer, weil sich die Menschen weigern ihre Grundstücke zu verlassen und in diesen organisierten Lagern zu leben. Dort gibts es Gemeinschaftsküchen mit geregelten Essenszeiten, Müllentsorgung, Wasseraufbereitung, organisierte Animationsprogramme und Ein- und Ausgangskontrollen. Diese "Bevormundung" widerspricht vielen Menschen und darum bleiben sie lieben in den weniger gut organisierten und selbst zusammengeschusterten Refugios.
All diese Erfahrungen haben bei mir die Vermutung geweckt, dass auch nach hunderten von Jahren die lateinamerikanische Kultur die Unterdrückung und Bevormundung durch die spanischen Eroberer noch nicht ganz verdaut hat.
Blick auf den Hauptplatz in Canoa
Ein leerstehendes Albergue (Lager) in Bahía
Besuch im bewohnten Albergue in Canoa
In einem Refugio in Canoa wurde von einer anderen Hilfsorganisation ein Gewächshaus errichtet
Eingestürzte und beschädigte Gebäude in Manta, Bahía and Canoa:
Am Busbahnhof in Manta
Nicht mehr begehbare Stufen in Bahía
Eingestürzte Brücke der Strandpromenade in Canoa
Unbewohnbares Haus in Canoa
Zwischendurch hatten wir letzte Woche einen halben Tag frei wo wir spontan nach Ayampe gefahren sind. Zirka eine halbe Stunde südlich liegt dieses verschlafene kleine Dort mit einem wunderschönen Sandstrand und den besten Wellen der Gegend zum Surfen. Leider haben wir einen Tag erwischt mit außerordentlich starker Strömung, wodurch es sehr schwierig bis unmöglich ist, an gewissen Stellen wieder aus dem Wasser herauszukommen. Maggy hatte sehr zu kämpfen mit dem Surfboard, aber es war trotzdem sehr schön sich kurz aus dem Alltag zu verabschieden.
Strand von Ayampe
Zwischen unseren täglichen Aktivitäten wie Physiotherapie und Englischunterricht haben wir im Erdgeschoss begonnen die Räumlichkeiten herzurichten, um die Klassen mit den Kindern sowie den Club de Niños und Club de Lectura zukünftig im Erdgeschoss abhalten zu können. In der letzten Zeit sind immer weniger Kinder zu unseren Aktivitäten gekommen weil die Eltern seit dem letzen Nachbeben verunsichert sind. Im Erdgeschoss kann man mit den Kindern im Fall des Falles schneller in den Garten hinaus, das ist somit sicherer und war auch ein Wunsch der Eltern.
Meine endlich fertigen Bücherregale ...
... in der neu eingerichteten Bücherei
Das vergangene Wochenende war unser erstes wirklich freies Wochenende und wir haben die Zeit genützt um uns ein bisschen die Gegend anzuschauen. Am Freitag haben wir unsere neue Mitbewohnerin und Kollegin aus der Schweiz, die sehr sympathische Julia, willkommen geheißen. Jetzt sind wir nicht mehr alleine in unserem großen Haus uns können uns wieder auf Deutsch unterhalten ;).
Am Samstag sind wir dann gemeinsam mit dem Bus zwei Stunden nach Manta gefahren. Oder besser gesagt eigentlich nach Santa Marianita. Ein wunderschöner langer Strand der ein Stück vor Manta liegt und sehr bekannt zum Kitesurfen ist. Dort haben wir einen sehr angenehmen Strandtag verbracht. Während sich die Mädls die Sonne auf den Bauch scheinen ließen, habe ich mich zwei Stunden mit einem riesigen 13m Kite (ich mag keine großen Kites) auf dem Wasser bei etwas zu schwachem Wind abgekämpft. Beim anschließenden Kaffee und Kuchen auf der Terrasse der Kiteschule haben die Mädls am Horizont die ersten Wale der Saison gesehen. Da der letzte Bus leider schon um 3 Uhr zurück nach Puerto López fährt, aber der Wind erst am Nachmittag interessant wird, mussten wir uns über Manta und Jipijapa zurück nach Hause kämpfen.
Kitesurfen am Strand von Santa Marianita
Die ersten Wale am Horizont, am Foto aufgrund der Distanz nicht sichtbar
Am Sonntag sind wir alle gemeinsam mit Eric, einem sympathischen holländischen Sozialarbeiter der auch in Puerto López lebt und Englisch Unterricht gibt, nach Aguas Blancas gefahren. Ungefähr 20 Minuten nördlich von López tief im Wald versteckt, liegt diese sehr ruhige entspannte Gemeinde die sich in den letzten Jahren immer mehr dem Tourismus verschrieben hat. Highlight dort sind die olfaktorisch sehr gewöhnungsbedürftige Lagune und der stark schwefelhaltige Heilschlamm mit dem man sich massieren lassen kann.
Mit dem Moped nach Aguas Blancas
Sehr schwefelhaltige Lagune in Aguas Blancas
Heilschlamm - schau ma mal, vielleicht bringts was
Nächstes Wochenende, unser letztes Wochenende hier - unglaublich wie die Zeit vergeht -fahren wir vermutlich wieder in den Norden um neue Albergues und Refugios zu besuchen. Übernächstes Wochenende bekommen wir Besuch aus Österreich von Esther und Armin.
Wir sind schon sehr gespannt! ;)








